Prozessorientiertes Selbstcoaching

Mit sich selbst im Gespräch sein
„Du musst den Prozess nicht verstehen – du musst ihm folgen.“ - Arnold Mindell

Es gibt Tage, an denen wir auf eine Weise reagieren, die uns selbst überrascht. Wir ziehen uns zurück, obwohl wir etwas zu sagen haben. Oder wir explodieren, obwohl wir eigentlich Stille brauchen. Besonders in der Arbeit mit Menschen sind solche Momente oft schmerzhaft, aber auch voller Erkenntnispotenzial.

Die Prozessarbeit nach Arnold Mindell nennt das „Innere Arbeit“ (englisch Inner Work) - eine Form des Selbstcoachings, die tiefer geht als reine Reflexion. Es ist die Fähigkeit, mit sich selbst im Dialog zu sein. Wir verbinden innere Achtsamkeit mit Körperwahrnehmung, mit inneren Stimmen, Träumen, Stimmungen und mit dem, was Mindell den „Prozess“ nennt:

Ein innerer Fluss, der ständig in Bewegung ist, manchmal ruhig, manchmal aufgewühlt. In seinen Strömungen zeigen sich Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen oder Konflikte wie Treibholz, das uns Hinweise auf das gibt, was in uns verstanden werden will.

Ein zentrales Element ist dabei das Verständnis, dass wir aus vielen inneren Anteilen bestehen. Manche kennen wir gut, wie die Stimme, die für Harmonie sorgt oder uns zu Leistung antreibt. Andere sind uns fremder oder unangenehmer, wie der wütende Anteil, der sich ungerecht behandelt fühlt, oder Scham, Neid, Angst.

Selbstcoaching heißt: Diesen Stimmen und Erfahrungen Raum zu geben, zuzuhören, auch wenn sie zunächst widersprüchlich oder unbequem sind.

Mich hat besonders der Umgang mit innerer Kritik verändert. Ich kenne meinen inneren Kritiker inzwischen gut. Mal ist er verächtlich und abwertend: „Ich bin nicht gut genug.“ Mal fordert er mich heraus, genauer hinzuschauen, wer ich bin und was ich wirklich will. Und manchmal ist er einfach ein Schutzmechanismus, der mich vor Enttäuschung bewahren will.

Statt nur mit diesem Anteil zu kämpfen oder ihm blind zu folgen, kann ich heute fragen: „Was willst du gerade von mir?“ Ich gehe in Dialog mit dem Kritiker, erkunde, wie er sich im Körper zeigt: Manchmal als Enge im Brustkorb, manchmal als starre Haltung oder miese Stimmung. Ich höre zu und prüfe, was die Stimme mir sagen will und oft verändert sich etwas. Eine neue Sichtweise taucht auf, eine Ressource, die vorher nicht zugänglich war.

Eine weitere wertvolle Entdeckung in der Inneren Arbeit ist die Erkenntnis, dass das, was uns an anderen Menschen stört, ein Spiegel für unerforschte eigene Potenziale sein kann. Wenn mich zum Beispiel jemand durchsetzungsstark und laut nervt, könnte es sein, dass ein Teil in mir auch gesehen werden und sich einbringen will. Aber ich bin mehr mit meiner Reaktion beschäftigt und ziehe mich zurück. Indem ich das, was mich nervt, in mir anerkenne, bin ich nicht nur präsenter, sondern begegne meinem Gegenüber mit einer anderen Haltung. Ich kann klarer erkennen, was ich will und gleichzeitig mitfühlender und interessierter sein.

Innere Arbeit hilft mir auch in der Zusammenarbeit mit Menschen. Denn je besser ich meine eigenen Reaktionen im Kontakt verstehe, desto klarer, mitfühlender und wirksamer kann ich handeln, selbst dann, wenn es herausfordernd wird. Konflikte oder Spannungen sind dann keine Bedrohung mehr, sondern Hinweise darauf, was in der Beziehung gesehen oder verstanden werden will oder wohin sich etwas Neues entwickeln möchte.

Selbstcoaching ist für mich nicht nur eine Methode, sondern eine Einstellung.

02. Juni 2025
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