Mindfulness und Prozessarbeit

Eine Einführung und praktische Übung

Ein Weg zu mehr Mindfulness in unserem Alltagsleben, in unseren Beziehungen und in der Welt.

Doch was bedeutet Achtsamkeit?

Achtsam zu sein bedeutet, die Wahrnehmung auf das „Hier und Jetzt“ zu richten und einen neuen Blickwinkel auf die alltäglichen Dinge zu gewinnen, statt vorschnell zu urteilen. Hierdurch können wir mehr und mehr in der Rolle eines wertfreien Beobachters ankommen.

Wir können mit den Gefühlsdramen in unserem Alltag gelassener umgehen. Wir merken, dass unser Leben aus einer Folge von unterschiedlichen Augenblicken besteht und wir können unsere Potentiale, Talente und Möglichkeiten zu wachsen und etwas in der Welt zu bewirken, erkennen.

Prozessarbeit

In der Prozessarbeit nutzen wir alle Sinne, um achtsam und bewusster wahrzunehmen, was in uns und um uns herum geschieht. Hierbei geht es nicht um Interpretationen unserer Wahrnehmung. Sondern es geht darum den ständigen Fluss von Signalen in den unterschiedlichen Kanälen zu bemerken, die uns mehr oder weniger bewusst sind.

Die Wahrnehmungs-Kanäle

Die grundlegenden Wahrnehmungskanäle sind: Sehen, Hören, Spüren und Bewegen, sowie Schmecken und Riechen.

  • Sehen: Betrachte Deine Umgebung oder dein Gegenüber genau? Oder betrachte, welche inneren Bilder auftauchen. Was zieht Deine Aufmerksamkeit auf sich? Welche Eindrücke werden bei Dir geweckt?
  • Hören: Schließe Deine Augen und achte auf Geräusche in Deiner Umgebung. Was nimmst wahr? Oder höre auf Deine inneren Stimmen und nimm wahr welche Anteile gerade zu Dir sprechen? – Ist es eine Kritik oder eine wohlwollende Stimme? Oder nimm wahr, welche Gedanken dir durch den Kopf gehen.
  • Spüren: Konzentriere Dich auf Deine Körperwahrnehmungen. Was nimmst Du wahr ohne es gleich verändern zu wollen?
  • Schmecken: Achte darauf, was Du gerade isst. Welchen Geschmack nimmst Du wahr? Wie fühlt es sich im Mund an?
  • Riechen: Schließe Deine Augen und nimm Deine Umgebung über die Nase wahr.
  • Bewegen: Achte auf Bewegungsimpulse oder minimale Bewegungen deines Körpers, während du stehst oder sitzt. Nimm deine Bewegungen im Raum, deren Intensität und Richtung wahr, während du z.B. joggst.

Daneben gibt es zwei “zusammengesetzte Kanäle”:

  • Beziehung: Richte deine Aufmerksamkeit auf die Kommunikation und die Art deiner Verbindung zu einem anderen Menschen.
  • Der Weltkanal: Nimm wahr, welche Signale in deiner Umgebung einen Effekt auf dich haben: Eine Feuerwehrsirene, ein Vogelzwitschern, der Unterschied zwischen einem “Waldbad” und deinem Büro.

Wir empfangen und senden ständig Informationen in all diesen Kanälen, obwohl uns nur ein Teil dieser Informationen bewusst ist. Die Signale aus unterschiedlichen Kanälen gruppieren sich meist zu mindestens zwei unterschiedlichen Erfahrungen - ein Verbund, der unserer Identität nahe steht und sich vertraut “anfühlt” und einem Verbund, der weniger vertraut, fremd, unangenehm oder störend ist.

In der Regel versuchen wir z.B. strenge Gerüchte, grelle Farbkombinationen, schrille Geräusche oder Spannungen … so gut es geht aus dem Weg zu gehen - Achtsamkeit bedeutet neue Erfahrungen zu sammeln, indem wir angenehme und unangenehme Eindrücke ganz bewusst wahrnehmen, ohne sie zu interpretieren. Hierdurch können wir wertvolle Informationen entdecken und uns bewusster mit unserer Umgebung zu verbinden.

Bist du bereit für eine praktische Erfahrung?

1. Schritt: Finde einen bequemen Ort und beginne, dich auf deine Sinne zu konzentrieren. Nimm wahr, was du in diesem Moment siehst, hörst, fühlst, riechst und schmeckst. Dies können die Farben in deinem Sichtfeld, Geräusche in der Umgebung, körperliche Empfindungen und sogar ein Geschmack sein.

2. Schritt: Jetzt nimm bewusst wahr, was angenehm ist. Welche Sinneswahrnehmungen bringen dir Freude oder Entspannung? Konzentriere dich darauf, ohne es zu interpretieren. Zum Beispiel: Das warme Sonnenlicht auf deiner Haut – nimm Dir Zeit, diese Erfahrung zu spüren und mit allen Sinnen wahrzunehmen.

3. Schritt: Richte dann deine Aufmerksamkeit auf etwas „Unangenehmes“, etwas, dass dich stört. Wie nimmst du die Störung wahr ohne direkt zu interpretieren? - Was genau siehst du, hörst du, spürst du? …

Ist es ein Schmerz, dann fokussiere nicht auf den Schmerz, sondern darauf wie der Schmerz sich ausdrückt: Ein Ziehen oder stechen, ein Druck nach innen oder außen …

Tipp: um den Schmerz nicht zu vergrößern, kannst du diese Bewegung mit deinen Händen ausdrücken: ziehe, schiebe, über Druck auf einen Gegenstand aus etc. und nimm die Qualität darin so genau wie möglich wahr: Eine Kraft, ein Ausdehnen …

Fällt dir eine Person unangenehm auf, dann fokussiere darauf, was unangenehm ist: Ihre Stimme, ihre Körperhaltung etc. und nimm auch hier genau wahr, was dich z.B. in der Stimme stört: Die Lautstärke, viele Pausen, ein Rattern … Fokussiere auf diese Eigenschaft (nicht deine Reaktion) und nimm sie mit verschiedenen Sinnen wahr.

4. Schritt: Nimm wahr, was genau du wahrnimmst und konzentriere dich darauf, ohne es zu bewerten oder zu interpretieren.

5. Schritt: Reflektiere darüber, wie du diese Qualität in deinem Alltag (mehr) nutzen kannst oder wo du sie vielleicht schon einbringst. Und erlaube dir, angenehme Eindrücke bewusster und mit allen Sinnen zu genießen.

Diese Übung kann dir helfen, bewusst und ohne Wertung auf deine Sinneswahrnehmungen zu achten. Durch das Erkennen von Qualitäten hinter deinen Eindrücken, kannst du eine tiefere Verbindung zu dir selbst entwickeln und neue Wege finden, wie du in deinem Alltag achtsamer sein kannst.


Bildnachweis: Good_Stock

04. November 2023
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